Die Kunst vollendeter Gastfreundschaft


Ein Bekannter von mir versteht sich als vollendeter Gastgeber, er sucht mit viel Kenntnis die passenden Produkte für das Essen aus, bereitet sie liebevoll zu und kredenzt dazu Weine, die über jeden Zweifel erhaben sind. Mitunter bringt die abendlich versammelte Gästeschar seinen Bemühungen jedoch nicht die gebührende Wertschätzung entgegen. Das kann deprimierend sein. 
 
Wir saßen entspannt in einem Weinhaus, als es wie aus heiterem Himmel aus H. herausbrach. Schluchzend berichtete er mir von seinem letzten Wochenende, an dem er ein, wie er zunächst angenommen hatte, niveauvolles Grüppchen ambitionierter Trinkerinnen und Trinker zu sich nachhause eingeladen hatte. Über Stunden war er in der Küche mit Kochen beschäftigt gewesen, die passenden Weine hatte er perfekt temperiert und dekantiert. Ab Acht sollte ein kulinarischer Höhepunkt den nächsten jagen. Artig hatten die Gäste an der Tafel Platz genommen. Das Essen wurde aufgetragen. Alles lief tadellos. 

Doch dann kam der erste Wein ins Glas. Ein wunderbarer Bordeaux. Gründlich hatte H. alle greifbaren Informationen zu dem Wein in einem Kurzvortrag zusammengefasst. Schon nach 20 Minuten bemerkte H., dass die Gäste seinen Worten nicht mehr richtig folgen wollten. Einer hatte sogar die ketzerische Bemerkung fallen gelassen, ihn kümmere es eigentlich nicht, aus welchem Stein die Treppe zum Weinkeller des entsprechenden Châteaus gefertigt war, vielmehr gelte sein Interesse den nackten Zahlen insbesondere dem Alkoholgehalt des Tropfens. Auch die übrige versammelte Trinkerschaft forderte - von diesem ehrlichen Einwurf ermutigt - nun unverhohlen Umdrehungen. 

Die Situation lief aus dem Ruder.

Manche Gäste gingen beherzt zur Selbstbedienung über und schenkten sich großzügig und dabei randvoll ein, um danach den edlen Tropfen nach Art eines westfälischen Schnapsenthusiasten in einer ländlichen Trinkstätte ruckartig in den Hals zu stürzen. Diese Spezies des Weintrinkers hält das Glas übrigens nie am Stiel fest, sondern umfasst es stillos am oberen Rand mit ganzer Hand. Da geht es dem Wein ganz schön an den Kragen.

Dass man den Tropfen tatsächlich vorab auch betrachten und riechen kann, fällt für derlei Schluckspechte gerne mal unter die zu vernachlässigenden Gepflogenheiten überambitionierter Weinconnaisseure.   

Frustriert überdachte Gastgeber H. auf dem Weg in den Keller noch einmal kritisch seine Entscheidung, nur teuerste Bouteillen auszuschenken. Dumm nur, dass er die vorab präferierten Roten bereits seit Stunden atmen gelassen hatte und damit zumindest deren Leerauftrag schon besiegelt war.

Einer der Gäste bekannte unbekümmert nach dem Hauptgang, den er mit dem Genuss dreier großer Rotweine gekrönt hatte: „Also, wenn ich ehrlich bin, trinke ich eigentlich lieber Rosé!“ Der Tischgenosse zur Linken wollte dann wissen: „Sag mal, hast du den Clos de Vougeot auch als Blanc de Noirs?“

Nie war H. der Ohnmacht näher gewesen als in diesem Moment.

Die absolute Krönung des besagten Abends war indes das Verhalten einer geladenen Dame, die arglos einen zehn Jahre alten Montrachet in ein Glas mit Mineralwasser goss: „Dann vertrag ich ihn besser!“

Ingo Konrads

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