Wie Frauen und Männer Wein einkaufen




Der moderne Mensch, der Homo sapiens, begann von seiner Heimat Afrika aus vor rund 200.000 Jahren damit, die ganze Erde zu besiedeln. Er überquerte hohe Gebirge, endlose Wüsten, grüne Savannen und sogar die Eifel. Er erreichte tropische, gemäßigte und arktische Zonen. Er lernte, Werkzeuge anzufertigen, Tiere zu zähmen und den Satz des Pythagoras. Alles hatte seine natürliche Ordnung. Die Männer gingen auf die Jagd, und die Frauen sammelten Früchte und Beeren. Diese Arbeitsteilung hatte Folgen für die Entwicklung der Gehirne. Folgen, die bis heute noch zu spüren sind. Vor allem beim Einkaufen. 

 

Ich zum Beispiel bin ja ohne Zweifel ein Mann. Ich kaufe sehr zielorientiert. Zum Beispiel Jeans. Ich gehe in den Laden, suche mir eine kompetente, gerne nicht mehr ganz so junge Verkäuferin (so eine mit einem altersmilden Blick auf meine Figur) und formuliere meinen Wunsch: Bitte eine schwarze und eine blaue Jeans, klassisch geschnitten, Beine unten eng. Sie taxiert mich kurz, greift mit traumwandlerischer Sicherheit in die Regale und hält mir genau zwei Jeans hin. Beide passen und sehen gut aus, nach zehn Minuten verlasse ich mit meiner Beute das Geschäft. Das ist wie beim Jagen. Beute sehen, erlegen, mitnehmen. Shopping like a man. Kurz, schnell, effektiv. 

Frauen hingegen. Sie wissen was kommt, Frauen gehen deutlich differenzierter an diese Aufgabenstellung heran. Man kann sagen, dass sie ihren Genen gehorchen. Sie haben in Jahrzehntausenden gelernt, das pflanzliche Nahrungsangebot in der Umgebung der Höhle genau zu untersuchen. "Oh, schöne Blaubeeren. Aber dahinten sind noch Schönere. Die roten Beeren da vorne, sind die vielleicht giftig? Schau mal, wilder Spargel! Wunderbar!" Stundelang konnte so ein Beutezug dauern. Wie heute beim Shoppen. 

Unsere heutigen Verhaltensweisen sind eigentlich ein Abbild der Lebensweisen der Urmenschen. Das gilt aber vor allem für die Ernährung. Männer lieben ja in der Regel Fleisch, während die Frauen eher im Salat stochern. Das steckt noch aus der Urzeit in uns drin.

Kann man sich gut vorstellen, wie das früher so diskutiert wurde. Eine Urzeitfrau zur anderen: „Ei, Gisela, der Herbert hat wieder Mammut mitgebracht. So gibt das nix mit dem Veggie-Day.“ – „Siehs einfach positiv, Christiane, Mammutfleisch ist auf jeden Fall glutenfrei.“ 

Im Prinzip ist jedes Fast-Food-Restaurant eigentlich ein Denkmal der Vorlieben unserer Vorfahren: süß, salzig, fett, viele Kohlenhydrate. Das war damals die Garantie dafür, zu überleben. 

Kaufen wir Wein mit urzeitlichen Reflexen? 

Und wie ist das mit dem Wein? Kaufen wir Wein eigentlich auch mit urzeitlichen Reflexen? Meine Damen und Herren, halten Sie sich fest, ich habe intensive Feldforschung betrieben und mich im Weihnachtsgeschäft heimlich in eine Filiale von Jacques‘ Weindepot geschlichen. Und da habe ich folgendes beobachtet:

In den Depots stehen schon am Eingang wie Köder bunte Bollerwagen aus Holz herum. Wunderbar. Wie würden die hereinkommenden Männchen darauf reagieren? Was glauben Sie? Richtig, über 95% der Männer nehmen sich einen Bollerwagen, auch wenn sie später nur eine einzige Flasche kaufen. Ganz klar, das ist das Obi-Gen oder auch der Baumarkt-Reflex. Erst mal nen Wagen nehmen. Man weiß ja nie.Vielleicht ist es auch nur eine Verbeugung vor der Erfindung des Rads.

Frauen gehen prinzipiell ohne Bollerwagen, sie sind der erprobten Auffassung, ich kann mir ja immer noch einen holen. Sind ja nur ein paar Meter. Männer denken nicht so strukturiert und verhalten sich einfach immer etwas irritiert, wenn sie mehre Dinge auf einmal tragen sollen. So ein Reh hat man bei der Jagd ja früher einfach hinter sich hergezogen. Also eins, nicht zwei.

Die Farbe gehört ja zu den wichtigen Merkmalen eines Weins. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass es eine Frau war, die die Weinfarbe erstmals beschrieben hat. Sie musste in der Urzeit ja schon den Reifegrad von, sagen wir Äpfeln, an der Farbe ablesen.  Beim Wein unterscheidet man zum Beispiel zwischen blassgelb, hellgelb, strohgelb oder honiggelb. Farben so zu benennen ist eindeutig eine Frauenbegabung.  Männer würden einfach sagen: "Weißwein."

Männer erscheinen beim Weinkauf mit der unumstößlichen Gewissheit, viel Ahnung von Wein zu haben. Das habe ich bei meinen Recherchen mehr als einmal erlebt. Allerdings gibt es auch manchmal etwas unprofessionelle Ausrutscher. Ein Kunde sagte einmal: „Wir haben gestern einen wunderbaren Wein aus Chile von Ihnen getrunken. Leider weiß ich den Namen nicht mehr, aber die Flasche war länglich, sie sah aus wie eine Keule!“
Sehen Sie: Wieder kommt der Urmensch zum Vorschein.

Aber Frauen sind auch manchmal etwas unsicher. Folgende Szene, eine Dame lässt sich verschiedene Grauburgunder beschreiben. Die Verkäuferin: „Dieser hier ist im Ton recht kräftig und hat Anklänge von Nüssen.“ Die Kundin daraufhin: „Dann kann ich ihn nicht nehmen, denn ich habe eine Nussallergie!“

Tatsächlich haben Untersuchungen ergeben, das Weinkauf heutzutage in erster Linie Frauensache ist. Nahezu zwei Drittel der deutschen Frauen kaufen demnach Wein allein und ohne ihre Männer. 65 Prozent der deutschen Weintrinkerinnen geben an, sich mit Wein genauso gut auszukennen wie Männer. Das klingt selbstbewusst.

Jüngere Frauen kaufen Wein für einen konkreten Anlass 

Interessant ist es, dass jüngere Frauen Wein eher für einen bestimmten Anlass kaufen, also für ein konkretes Abendessen oder ein Treffen mit Freunden.  

Das abgeklärte ältere Weibchen hingegen, lebensklug und altersweise, hat viele heiße Sommer und lange Winter erlebt, und deshalb kauft es dann doch eher größere Mengen, um einen angemessenen Vorrat in der heimischen Höhle anzulegen. Den kann das Weibchen dann mit seinem Partner abarbeiten und ihn damit an sich binden. Forscher wissen längst, dass es das gemeinsame Weingenießen ist, das den Partnerschaften so guttut. Man hat übrigens schon lange festgestellt, dass verheiratete Männer länger leben. 

Das schon. Aber sind eher bereit, zu sterben.

Ingo Konrads

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