Vom Weingenuss zum Musenkuss

Dass Künstler ein ganz besonderes Verhältnis zum Wein hatten und haben, ist ja allseits bekannt. Sie fanden in ihm nicht selten die Inspiration, um Kunstwerke von Weltgeltung zu schaffen. Wir haben dem Wein also viel zu verdanken. 

Wein beflügelt die Phantasie, ja, er ist ein Zeichen des Göttlichen. Das wussten schon die alten Griechen. Sie hatten sogar einen eigenen Gott, der zuständig war für die Fruchtbarkeit, den Wein und die Ekstase. Sie kennen ihn alle: Dionysos. Er war so eine Art Gérard Depardieu der Antike und wurde quer durch alle Bevölkerungsschichten verehrt, von der einfachen Tempelputzfrau bis hin zum Philosophen.
Einer von Ihnen war Aristoteles. Er hatte eine interessante Doppelbegabung. Er war nämlich gleichzeitig Naturwissenschaftler und Philosoph. Was kaum jemand weiß: Aristoteles gilt als Erfinder des Halbkreises. Was passiert, wenn man einen Halbkreis in zwei Teile teilt? Man bekommt zwei Viertel. Das war dann auch die Menge an Wein, die Aristoteles am Morgen trank, um mittags so richtig schön ins Philosophieren zu kommen. So hat er einen tollen Satz nach dem anderen rausgehauen. Einer davon war: „Vergebens klopft, wer ohne Wein ist, an der Musen Pforte.“
Mit anderen Worten: „Man kann nur kreativ sein, wenn man Wein trinkt.“ Jetzt wissen Sie, wie meine Wein-Comedy-Programme entstehen. Vor allem Künstler sollten sich über die Jahrhunderte hinweg an den Satz des Aristoteles halten - angefangen von Leonardo da Vinci bis hin zu Heiner Lauterbach, von Giovanni Boccacio bis zu Gunther Gabriel.  
Giovanni Boccacio, noch so ein Titan. Wir sind im Mittelalter in der Toskana. Wie heißt das Hauptwerk des Literaten? Richtig, das "Decamerone". Die Story ist schnell erzählt. Eine Gruppe von jungen Leuten lebt in einem Landhaus vor den Toren der Stadt Florenz, um sich vor der Pest zu schützen, die in der Stadt wütete. Und weil es in dem Landhaus kein WLAN gab, bekamen die jungen Leute bald Langeweile. Da begannen sie, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, oft erotischen Inhalts. Das war so eine Art Poetry-Slam mit Fummeln und Saufen. Klar, bei drei Jungs und sieben Mädels. Herausgekommen ist der erste moderne Novellenroman der Geschichte, ein ganz großes Stück Weltliteratur.
Giovanni Boccacio hat es unter Zuhilfenahme größerer Mengen Wein verfasst, und es wundert uns nicht, wenn von ihm folgendes überliefert ist: „Es ist besser, Genossenes zu bereuen, als zu bereuen, dass man nichts genossen hat.“
Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen, um einen Dichterfürsten mit Weinhintergrund zu finden. Denken wir nur an Johann Wolfgang von Goethe. Ein Trinker vor dem Herrn. Zwei Flaschen Wein soll er pro Tag getrunken haben.

Viel hat er über Wein geschrieben, aber sein schönster Satz ist: "Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken." Das hat er übrigens gesagt, als er 1802 mit einem leeren Einkaufswagen aus dem Lidl in Weimar kam und Schiller begegnete. "Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken."
Und wer hat gesagt: „Das Leben ist zu schlecht, um keine Kurzen zu trinken“? Das war Harald Juhnke, als er 180 Jahre später mit vollem Einkaufswagen aus dem Lidl in Berlin kam. So ändern sich die Zeiten.
Es waren die Maler, die Schriftsteller, die Bildhauer, die Musiker, die den Wein als Inspirationsquelle nutzten. Beethoven, großer Sohn der Stadt Bonn, hat sich seinen geliebten Rheinwein sogar bis nach Wien nachliefern lassen.  
Auch die Liste der alkoholinspirierten Schauspieler ist lang. Der französische Schauspieler Henri Vidal sagte immer:
„Beim Weißwein denkt man Dummheiten,
beim Rotwein spricht man sie aus
und beim Champagner macht man sie.“

Ich finde, wir haben dem Wein unheimlich viel zu verdanken. Die Bibliotheken, Museen und Konzertsäle sind voll von weininspirierten Werken. Große Kunst und Wein gehören daher untrennbar zusammen. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, weshalb Dieter Bohlen noch nie durch Alkoholexzesse aufgefallen ist.
Ingo Konrads
 

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