Große Gewächse an kleinen Schleifen - Weinbau an der Saar



Da ist der Name Programm: die Weinlage "Saarburger Rausch"
Wenn die Mosel die schöne Tochter des Rheins ist, ist die Saar die schöne Tochter der Mosel. Ungeübte Talbesucher verwirrt die Saar gerne mit Versteckspielen. Mal taucht sie rechts des Weges auf, mal links, und mal gaukelt sie mit zahlreichen kleinen Flussschleifen vor, sie sei in Wirklichkeit eine Seenplatte.

Die Saar lässt es sich gefallen, dass an ihren Hängen und Ufern mit die besten Weißweine angebaut werden, die in deutschen Landen zu finden sind. Vor rund hundert Jahren gehörten sie sogar zu den teuersten der Welt. Doch ist der Weinbau im Wesentlichen auf den Unterlauf der Saar beschränkt, der politisch zum weinseligen Land Rheinland-Pfalz gehört. Das eigentliche Saarland genügt sich also in der Rolle einer Bier- und Schnapsregion, die sich nur gelegentlich etwa bei Saarfels und Merzig Weinberge gönnt und dort robuste, zurecht kaum bekannte „Saarländische Landweine“ produziert. Lediglich an der Mosel, an der das Saarland unverständlicher Weise eine Uferflanke bildet, werden in der Weinbaugemeinde Perl nennenswerte Weine erzeugt, wie etwa der Elbling, der aber wegen seines eigentümlichen Geschmacks von der WHO schon 1983 neben Pinselreiniger und Rauchbier in die Liste der für Menschen ungenießbaren Substanzen aufgenommen worden ist.

Wie sehr unterscheiden sich doch die edlen Saar-Rieslinge davon, die vielfach aus den Steilhängen am Fluss stammen. Erscheinen auf einem Weinetikett stolze, selbstbewusste Lagen wie die Ayler Kupp, der legendäre Scharzhofberg oder der Kanzemer Altenberg, schlagen die Herzen ambitionierter Zecher höher. Da wundert es nicht, dass hier sogar der Schiefer blau ist. Bereitwillig gibt er von seinen Mineralien ab, um dem Wein jene Würze zu verleihen, die die typische Eigenart der Saarweine definiert. Dabei kommt er recht alkoholarm daher, weshalb er bereits die Frühstückstafel zu beleben weiß.

Die Weinorte an der Saar sind angenehm dörflich geblieben und erwecken den Anschein, dass sie permanent für das Magazin „Landlust“ Modell stehen. Die mancherorts vorkommenden noblen Herrenhäuser vergangener Tage versprühen Grandezza. Malerisch liegt Saarburg mit seiner Burgruine am Fluss, mit seinen schönen Altstadtgassen und dem imposanten Wasserfall der Leuk, die sich mitten in der Stadt in selbstmörderischer Absicht 17 Meter tief über eine Felskante stürzt. Die bekannteste Lage heißt dann auch „Saarburger Rausch.“
 
Interessante Winzerpersönlichkeiten prägen die Region, wie etwa Roman Niewodniczanski. Er stammt aus einer berühmten Eifeler Braudynastie und dachte sich im Jahre 2000: „Bier trinkt das Volk. Ich trink van Volxem!“ So übernahm er das renommierte aber leicht lädierte Weingut van Volxem in Wiltingen. Der Rest ist Geschichte. Heute ist er hopfenlos dem Weinbau verfallen und produziert wunderbare Saarweine großer Lagen.

Einen regelrechten Aufmerksamkeitsschub bekam der Weinbau an der Saar durch Günther Jauch, der 2010 das Weingut von Othegraven in Kanzem übernahm. Es befand sich seit Generationen im Besitz von Jauchs Vorfahren, so dass man ihm nicht unterstellen kann, ein Wein-Prestigeprojekt wie andere Prominente zu verfolgen. Er und seine Frau Thea haben mittlerweile gelernt, zwischen den Rebzeilen zu lesen. Sie beherrschen jetzt die Othegravie und Grammatik der Saarweine zusammen mit ihrem Önologen Andreas Barth perfekt.

Legendär sind auch die Weine von Egon Müller vom Scharzhof aus Wiltingen, dessen 2003er Trockenbeerenauslese im Jahre 2015 mit einem ersteigerten Flaschenpreis von rund 15.000 EUR als weltweit teuerster Jungwein gilt. Die Weinfreunde freuen sich zwar darüber, doch hoffen sie, dass das nicht Schule macht und diese herrlich verschwenderischen Edelweine nicht vollständig vom bezahlbaren Markt verschwinden oder unter den Hammer kommen.

Denn das spritzt, klebt und macht Scherben.


Ingo Konrads

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