Loblied auf die Bowle

Neulich war ich bei meinen Eltern zu Besuch. Da bat mich meine Mutter, doch eben eine Kuchenplatte aus dem Wohnzimmerschrank zu holen. Ich also hin zu der gefühlt sieben Meter langen Schrankwand. Sie kennen solche Schränke sicher, gebaut aus massiver Eiche mit armdicken Holzbohlen und so stabil, dass sie einen Atomschlag überstehen würden. Ich öffne also die letzte Tür und plötzlich sehe ich ihn: Unseren neobarocken Bowletopf.

 

Er war ein Koloss unseres Hausrates, ein Erbstück ganzer Generationen. Drei Tonnen schwer und aus Keramik. Mit Motiven der Rheinromantik. Umstellt war der Topf von den dazu gehörenden Tassen, und dann sah ich auch noch etwas versteckt die Glasmarkierer aus den 1950er Jahren, die auf Gläser oder Tassen gesteckt wurden, um das persönliche Trinkgefäß individuell zu kennzeichnen. Damals grassierte ja Herpes so fürchterlich in der Eifel.

Da waren:
Ein Schornsteinfeger.
Ein Fliegenpilz.
Ein vierblättriges Kleeblatt.
und Flamingos, die immer so leicht durchbrachen.

Augenblicklich fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt. Der Raum begann sich zu drehen, ein Zeitloch tat sich auf und ich taumelte und nahm wie von einer fremden Macht gesteuert Platz auf dem kreisrunden roten Sitzkissen mit den orientalischen Motiven, das auf einmal wieder wie damals mitten im Raum stand. Offensichtlich war ich in den 1970er Jahren gelandet. Tatsächlich: Das Wohnzimmer sah jetzt wieder aus wie in meinen Kindertagen: Der Boden bestand aus großen, cremeweißen Natursteinfliesen, darauf ein kreisrunder Flauschteppich, in dem wir Kinder immer Erdnüsse fanden. An der Seite ein aus Backsteinen kubistisch gemauerter offener Kamin. Mittig ein rechteckiger Couchtisch, der auf einer zentralen Säule ruhte und sich mittels eines ausgeklügelten Federmechanismus' und eines kleinen Hebels in der Höhe verstellen ließ.

Auf dem Tisch hockte auf einem Häkeldeckchen der schwarze große Drehascher der Marke " ROULETTE". Er hatte oben einen verchromten Knopf zum Drücken. Wenn man ihn betätigte, drehte und senkte sich gleichzeitig ein Edelstahlteller und schleuderte dabei Asche und Kippen in den darunter liegenden Behälter. Das ging übrigens auch gut mit Einer-Lego-Klötzchen. Daneben stand der Zigarettenspender namens „Weltkugel“, die Zigaretten beim Öffnen kugelförmig präsentierte. Das waren noch Ingenieurleistungen.

An der Wand hing ein Knüpfbild aus Original-Junghans-Wolle mit dem Motiv „Schilf im Sonnenuntergang“. Es zeigte nicht nur Schilf im Sonnenuntergang, sondern auch noch die Silhouette zweier Kraniche. Damals verfügten etwa 98 % aller Haushalte über ein solches Knüpfbild, weshalb man sich quasi überall zuhause fühlte.

Neben dem Tisch stand die sehr gradlinige Sofagarnitur in maisgelb. Diese Farbe kennen Sie sicher noch von den Cordhosen der zeitgenössischen Deutschlehrer. Solche Hosen wurden damals zusammen mit einem dunkelgrünen Polyester-Strickpullover beim Versandhaus Quelle als „Modell Didakt“ speziell für Lehrer angeboten. Es gab sie auch für Fahrlehrer, das Modell hieß dann „Autodidakt“.

Urplötzlich sah ich mich wieder auf dem Sofa sitzen. Ich beobachtete, wie mein Vater, jetzt wieder ganz der junge Mann von damals, feierlich mit der Bowle den Raum betrat.
Breitbeinig wie ein Matrose.
Mit zum Bersten angespannter Oberkörpermuskulatur.
Vor sich gefühlte 50 Liter Flüssigkeit.
In einem aufwendigst verzierten Bowlentopf.
An den Seiten waren Darstellungen von sechs Rheinburgen zu sehen, dazwischen Reliefs von Weinlaub und Trauben. Und oben drauf hockte die halbnackte Loreley, die als Deckelgriff diente. Heinrich Heine wäre entsetzt.

Mein Vater war ja Geschichtslehrer und legte deshalb Wert darauf, dass wir die Burgen auf dem Bowletopf alle auswendig aufsagen konnten: Drachenfels, Godesburg, Eltz, Rheinstein, Stolzenfels und Marksburg! Hey, ich kann das heute noch. Da sieht man mal, wie gut eine solide historische Ausbildung ist.

Und so ein Trumm stand jetzt bei uns auf dem Wohnzimmertisch. Die Pfirsiche und der Wein waren schon drin, jetzt schütteten meine Eltern noch Sekt und Schnaps als Wirkungsbeschleuniger dazu. So eine Bowle soll ja in erster Linie wirken. Wir Kinder durften nicht von der Bowle probieren. Wegen des Alkohols. Aber von den Früchten durften wir naschen. Die waren ja gesund. Ein Trugschluss, denn die Stückchen hatten sich prall mit Alkohol gefüllt. Verantwortlich dafür war der Osmose-Effekt, also die Diffusion durch eine semipermeable Membran, also in unserem Fall Alkohol durch die Haut der Pfirsiche.

Ich hing meinen Gedanken nach. Es war meine Mutter, die mich aus meinen Träumen riss: „Ingo, wo bleibst Du mit der Kuchenplatte?“
„Mama, ich sehe gerade zwei Kraniche, die mit einem Schornsteinfeger und einem Fahrlehrer durch den Sonnenuntergang zur Burg Stolzenfels fliegen.“

Meine Mutter daraufhin: „Du sprichst ja genau so wie früher, als Du von den Bowlefrüchten genascht hast!“

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