Kellergeister




Der große Peter Ustinov sagte einmal: „Ich bin nicht abergläubisch, das bringt Unglück.“ Ich sehe das übrigens ganz genau so. Deshalb bin ich auch froh, dass die Weinwelt zumindest heutzutage in unserer aufgeklärten Welt weitgehend frei von abergläubischen Dingen ist. Gut, es gibt Zeitgenossen, die Wein nur in Vollmondnächten trinken. Aber ist der Mond nicht in jeder Nacht voll? Er ist nur nicht immer vollständig beleuchtet.


Ich bin jedenfalls kein bisschen abergläubisch. Aber eines Tages, wir waren gerade in unser neues Haus eingezogen, da klingelte es und eine alte Freundin von uns stand vor der Tür. „Ingeborg“, rief ich erfreut, „wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.“ Ingeborg begrüßte mich auch und sagte aber dann: „Ich heiße übrigens nicht mehr Ingeborg. Ich heiße jetzt Kyria. Ich bin eine Erleuchtete und wohne im Dritten Tempel von links.“

„Ah, bist Du jetzt auch in unser Wohngebiet gezogen? Vielleicht in das Haus mit diesen geschmackvollen dorischen Säulen vor der Tür des Niedrigenergiehauses, das jetzt aussieht wie ein Tempel?“ Ingeborg merkte, dass ich sie nicht richtig ernst nahm. Um die Stimmung nicht kippen zu lassen, bat ich sie erst mal auf ein Glas Wein herein. Außerdem hatte ich ehrlich gesagt ein wenig Angst davor, dass sie unser neues Haus verfluchen könnte. Ich ging in den Keller und holte dem Anlass entsprechend eine Flasche „Oppenheimer Krötenbrunnen“ – passt ja irgendwie zu einer Hexe, dachte ich. Als ich wieder im Esszimmer war, kam meine Frau gerade zur Tür herein und begrüßte Ingeborg, nein Kyria, sehr herzlich. Wir tranken ein Gläschen zusammen und Kyria erzählte, dass sie mit unserer Nachbarin befreundet sei, die von unserem Einzug erzählt hätte – und jetzt wollte sie doch gleich mal die Gelegenheit nutzen, uns zu besuchen.

Mit der Nachbarin, die ebenfalls zumindest teilweise erleuchtet ist, würde sie ab und zu Zeitreisen mit ihren Astralkörpern machen. Ich dachte bei mir, dass ich die Nachbarin schon mal im Bikini gesehen hätte. Von Astralkörper könne da wirklich keine Rede sein. Ich behielt diese Bemerkung für mich.

Meine Frau lud Kyria dann erst einmal zu einer ausführlichen Hausbesichtigung ein. Als die beiden Richtung Keller gingen, schloss ich mich an, um ihr unseren Weinkeller zu zeigen und meinen ganzen Stolz: den Weinklimaschrank mit WLAN-Anschluss.

Kennen Sie nicht? Ist genial.

Von unterwegs kann ich per App die Temperatur prüfen und das eingelagerte Sortiment abrufen. Außerdem bestellt der Kühler alleine Flaschen nach, wenn der Bestand zur Neige geht. Man muss nur seine Kreditkartendaten im Kühlschrank hinterlegen. Das ist so irre, der Kühlschrank bekommt sogar den Newsletter von Jacques' Weindepot per E-Mail zugesendet.

Jedenfalls wollte ich Kyria gerade meine Weinregale und den Kühlschrank präsentieren, als ich in ihre zu Tode erschrockenen Augen blickte. „Was ist denn mit Dir los?“ wollte ich wissen. Kyria zitterte jetzt am ganzen Leib: „Ihr habt, ihr habt einen Erdgeist hier wohnen. Er ist direkt hinter dem Weinkeller eingemauert. Wisst Ihr was das bedeutet?“

Meine Frau und ich schauten uns fragend an. Unseres Wissens war hinter dem Keller nur eine Felswand. Schon hatte Kyria ein Pendel rausgeholt und hielt es genau über mein Großes Gewächs, also das Regal mit den VDP-Weinen. Schnell begann das Pendel zu kreisen. Kyria war ganz aufgeregt. „Es sind sogar zwei Geister“, konstatierte sie nach wenigen Minuten.

„Hätten die Geister nicht verschwinden können, als hier noch die Baugrube unseres Hauses war? Die Mauern sind doch erst später hierhin gekommen“, bemerkte meine kluge Frau ganz auf Seiten der Logik. „Schon, aber vielleicht sind die beiden verheiratet und hätten sich geschworen, für immer und ewig auf einer Grundwasserader hier unter Eurem Haus zu leben.“

Ich konnte das ganze Geschwätz natürlich nicht ernst nehmen. „Kellergeister? Papperlapapp. Was für ein Quatsch, das habe ich ja noch nie gehört. Die kriegen erst mal ne fette Räumungsklage wegen Eigenbedarfs von meinem Anwalt. Oder ich sag den Leuten von der GEZ Bescheid!“

„Das wird nichts nützen“, antwortete Kyria kühl. „Versuch es lieber mit Weihrauch und Kerzen, die Du hier überall aufstellst.“ Ich musste an die Gasleitungen in unserem Keller denken und verwarf die Idee schnell.

„Ich glaube, die Geister können auch Deinen Wein verderben lassen!“ sagte die Schamanin nun verschwörerisch. „Anders kann ich mir gar nicht erklären, warum der "Krötenbrunnen", den wir eben getrunken haben, so mies geschmeckt hat.“ Mit diesem Satz traf mich Kyria ins Mark.
Meine Frau aber musste grinsen. „Komm wir gehen rauf und schauen, ob unser Kaffee auch verdorben ist“, stupste sie die ehemalige Ingeborg an. Ich blieb grübelnd im Keller zurück.

Als es Abend wurde, hatte ich ein wenig im Internet recherchiert und einen Wünschelrutengänger ausfindig gemacht, der meinen Weinkeller und seine gespenstischen Bewohner noch mal genauer untersuchen sollte. Außerdem bestellte ich bei Manufactum ein bisschen Weihrauch.

Bis auf weiteres habe ich mich abends nicht mehr in den Keller getraut. Zum Glück kümmert sich ja mein Weinkühlschrank um alles.

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