The day after the Kater



 

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass man mit zunehmendem Alter Alkohol immer schlechter verträgt? Das geht mir jedenfalls so. Mensch, was haben wir früher gesoffen. Bis tief in die Nacht. Dann drei Stunden geschlafen, aufgestanden, einmal kräftig geschüttelt und schon sind wir wieder in die Schule gegangen. Und heute? Ein paar Gläser Wein, das war’s dann. Unruhiger Schlaf, frühes Aufwachen, präsenile Bettflucht. Woran liegt das? Am Kater vielleicht? 

 

Lassen wir uns gemeinsam diesem Phänomen nähern und uns fragen, wie der eigentlich entsteht. Schon Albert Einstein hat in seiner Relativitätstheorie überzeugend dargelegt, dass ein Abend immer gleich lang ist, aber unterschiedlich breit sein kann. Nun, was meint er damit?

Dafür müssen wir in ein Weinlokal unseres Vertrauens gehen. Die Freunde sind alle schon da, die Stimmung ist gut. Sie bestellen eine Flasche Wein. Da kann es schon mal drei Minuten dauern, bis diese auf die Gläser verteilt ist. Also heißt es bald, die nächste Flasche bestellen.

Das geht so weiter, bis der Magen nach Feststofflichem verlangt. Essen wird bestellt. Danach kommt der Wirt und berichtet mit strahlenden Augen von dem Obstbrand aus dem Schwarzwald, den er just heute hereinbekommen hat. Die Runde geht aufs Haus. Weil ein Obstbrand ja ein Naturprodukt ist und Naturprodukte ja gewissen Schwankungen unterliegen, ordern sie noch einen, um festzustellen, ob er genauso gut ist wie der erste. So sieht gelebtes Qualitätsmanagement aus. Tatsächlich, er ist so gut wie der erste. Die Stimmung steigt.  

Nach diesem Exkurs in die Welt der Brände wird es aber Zeit, wieder ein Weinchen zu trinken. Schließlich sind wir in einem Weinlokal und nicht in einer Brennerei. Das ist übrigens der letzte klare Gedanke, den sie an diesem Abend haben sollten. Als nächstes werfen sie auf dem Tisch die Blumenvase um. Mit der Hand versuchen sie, das Blumenwasser wieder über die Tischkante in die Vase zu „fegen“. Jetzt wird es Zeit, zu gehen.

Und augenblicklich werden wir Zeuge eines jahrhundertealten heiligen Rituals, nämlich dem Abschiednehmen in vier Schritten.  

Schritt 1: Die Akklamation. Sie geben bekannt, dass sie nun das Lokal verlassen.
Schritt 2. Die Replik. Die Mitzecher fordern sie mit Bestimmtheit auf, noch zu bleiben.
Schritt 3: Die Benevolentia. Sie beschwichtigen die anderen mit dem Satz: „Na, gut. Einen trink ich noch.“ Stets begleitet von der Feststellung: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“


Die Schritte 1 bis 3 können jetzt beliebig oft wiederholt werden. Bis sie aber wirklich genug haben und aufbrechen. Es folgt:

Schritt 4. Die Demission. Sie verlassen das Lokal.


Bis zur Ausgangstür geht noch alles gut. Dann treten sie nach draußen und der Sauerstoffhammer erwischt sie frontal. Ihr Gang wird leicht kursiv. Plötzlich und ganz unvermittelt stellt sich ihnen eine Hecke in den Weg. Sie beginnen zu schimpfen.

Anschließend umarmen sie eine Laterne, tasten an einer Mauer entlang und kippen nach vorne in einen Bankautomaten. Mit ihm diskutieren sie die Eurokrise.
Irgendwann kommen sie zuhause an. Und an der Haustür passiert das, was Wilhelm Busch so unnachahmlich beschrieben hat: „Das Schlüsselloch man sehr vermisst, wenn man es sucht, wo es nicht ist.“

Nach drei Anläufen finden sie auch das Schlüsselloch und nach vier Anläufen ihr Bett. Binnen Sekunden überfällt sie der Schlaf -  oder besser das, was sie dafür halten.

Sie werden am nächsten Morgen mit einem langen Zungenkuss geweckt. Dann fällt ihnen ein, dass sie der Schweizer Sennenhund aus dem Weinlokal nachhause begleitet hat.
Ganz plötzlich, hören sie ein Hämmern aus der Nachbarwohnung. Aber sie haben gar keine Nachbarwohnung. Sie sind verwirrt. Sie ziehen sich ein Kissen über den Kopf. Das Hämmern wird nicht leiser. Es kommt aus ihrem Kopf. Ganz ruhig bleiben. Sie sammeln sich. Sauerstoff könnte helfen. Mühsam klettern sie über den Hund und entsteigen dem Bett. Das Fenster ist zum Glück nicht weit. Sie öffnen das Fenster. Der Sauerstoff fällt würfelweise herein. Das tut gut. 

Ihre Kehle ist so trocken, dass man darin Lawrence von Arabien drehen könnte. Durst!
Wie wäre es mit einem Reparaturbier? Das wäre jetzt wohl der worst case für die Leber. Also Leber-Case. Dann lieber Wasser. Sie schlurfen in die Küche.
Viel trinken, heißt es immer in der Apothekenumschau, viel trinken!
Sie greifen zur Sprudelflasche im Kühlschrank.
Ihr Blick fällt auf den Heringssalat.
Der Körper braucht Salz!
Beim Öffnen der Packung erinnern sie sich daran, dass sie den Salat für Heiligabend gekauft haben. Jetzt ist Juli.
Sie beschließen spontan, den Heringssalat nicht mehr zu essen.
Der Hund erinnert sich nicht an Heiligabend.

Sie gehen zum Billyregal und suchen das Buch „Anständig Trinken“ von Kingsley Amis.
Als sie es finden, schlagen sie die Seiten mit den Tipps gegen Kater auf und lesen:

# Mischen sie sich unter die Minenarbeiter einer Zeche ihrer Wahl. Na, klasse!


# Fliegen sie eine halbe Stunde lang mit einem offenen Propellerflugzeug. Aber achten sie bitte darauf, dass der Pilot keinen Kater hat.


Oh, nein! Das hilft nicht weiter. Denken sie einfach daran, was ich ihnen hier in diesem Weinjoker-Blog empfehle: Zwei Magnesium-Tabletten und Aspirin, dazu Wasser und einmal um den Block laufen. Das hilft weiter! Um 11 Uhr sind sie garantiert wieder nüchtern und ausgekatert. Spätestens aber am Tag danach. 


Ingo Konrads



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