Alle Lampen an oder früher war weniger mehr


Für uns Weinliebhaber ist Weihnachten ja immer ein tolles Fest. Da kann man im Keller mal so richtig in die Vollen greifen und Flaschen rausholen, die einem das ganze Jahr über zu schade sind. Es macht schon Spaß, zu den Speisen den passenden Wein auszuwählen. Da darf es vorab schon mal ein Champagner sein, dann vielleicht einen Kabinett gefolgt von einem Großen Gewächs. Hinterher eine gereifte Trockenbeerenauslese. Und das war erst das Frühstück.

Weihnachten. Wie viel Gefühl schwingt allein in dem Wort mit? Und wie viele Erinnerungen an die Kindheit? Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass meine Eltern sich immer an ihre Kindheit erinnert haben. Ach, wie habe ich das gehasst. Ich denke da an den Klassiker-Satz, dass sie sich schon über eine Apfelsine tierisch gefreut haben. Aber mal ganz ehrlich: Das haben wir doch auch! Wir haben die Orange geschält, kleingeschnitten und dann heimlich in die Möbel der Puppenstube meiner Schwester gequetscht. Nach vier Wochen waren die Apfelsinenstücke so grün wie der Weihnachtsbaum gewesen wäre, wenn er da noch Nadeln gehabt hätte.

Für viele ist Weihnachten ja ein ganz normales Fest so wie der Maifeiertag, Kirmes oder Mediamarkt-Eröffnung. Für mich schwingen aber ganz andere Gefühle mit. Auf jeden Fall ganz viel Nostalgie. Früher wurden die Geschenke noch vom Christkind geliefert und nicht von Amazon-Drohnen. Die einzige Drohne, die wir kannten, war Willi aus Biene Maja.

Man wird ja heute auch ganz anders zum Geschenkekaufen verführt. Wenn sich damals die Oma eine Platte von Roger Whittacker gewünscht hat, hat man im Plattenladen eine Platte von Roger Whittacker gekauft. Punkt. Da wurde man nicht an der Kasse belehrt „Kunden, die eine Platte von Roger Whittacker gekauft haben, haben auch eine von Bata Illic gekauft.“

Wie wohltuend war es früher auch, dass es damals diese allumfassenden Beleuchtungsorgien in der Adventszeit noch nicht gab. Das fängt ja schon Mitte September mit diesen Solarlampen im Vorgarten an. Das sind die Dinger, die tagsüber acht Stunden lang Sonne speichern und abends eine halbe Stunden lang leuchten. Ab Mitte Oktober kommen die Lichterschläuche dazu, und Mitte November fahren dann diese Tieflader mit den Laserkanonen vor, die Merry-X-Mas in den Himmel schreiben. Ich könnte kotzen. So gibt das nix mit der Energiewende. Vielleicht sollten wir Menschen wieder mal ein bisschen mehr von innen leuchten!

Bei uns in der Eifel damals war das alles ja noch ganz anders. Ende November und keinen Tag früher wurde von zwei missmutigen Gemeindearbeitern auf dem Dorfplatz eine Fichte von drei Meter Höhe aufgestellt. Das war lustig, denn um unser Dorf herum standen sowieso ungefähr zwei Millionen Fichten von drei Meter Höhe. Dann öffnete einer der Männer an der nächstgelegenen Straßenlaterne eine Abdeckung, legte von dort aus eine Stromleitung zum Baum und brachte eine Lichterkette mit Glühbirnen an. Mit echten Glühbirnen. Die Älteren werden sich erinnern. Das waren warm leuchtende Birnen ohne Gift.

Wenn der Helligkeitssensor der Straßenlampe meldete, dass es jetzt dunkel ist, schaltete sich die Straßenlampe an. Eine Sekunde später schaltete sich der Weihnachtsbaum an. Jetzt war es durch die Lichterkette so hell, dass der Helligkeitssensor der Straßenlampe meldete, dass es jetzt hell ist. Also schaltete sich die Straßenlampe wieder aus, worauf auch der Weihnachtsbaum wieder ausging. Dann meldete der Helligkeitssensor der Straßenlampe, dass es jetzt wieder dunkel ist und schaltete die Straßenlampe wieder an und so weiter und so fort. Für uns Kinder war dieses Lichterblinken auf dem Dorfplatz jedes Jahr ein Fest. Fast schöner als das eigentliche.

Ingo Konrads

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