"Am Zauberfluss" - eine Rezension

Das Rheintal bei Oberwinter / Foto: Ingo Konrads
Es war im Jahre 1804, als Friedrich Schlegel durch das Rheintal wanderte und seine Begeisterung über das, was er zwischen Bonn und Bingen vor Augen bekam, in Worte fasste:
 „Nichts aber vermag den Eindruck so zu verschönern und zu verstärken als die Spuren menschlicher Kühnheit an den Ruinen der Natur, kühne Burgen auf wilden Felsen“.
Nicht der äußere Schein allein versetzt Schlegel in Verzückung, sondern vielmehr das, was darüber hinaus aus der Rheinlandschaft zu ihm spricht, wenn zur Natur die Kultur hinzukommt: Ein Gesamtkunstwerk, aufgeladen mit der patriotischen Sehnsucht nach einer besseren größeren Vergangenheit, eine Sehnsucht, die sich Ausdruck in Poesie und Malerei verschafft. Die Reisebeschreibungen Schlegels markieren nichts Geringeres als den Beginn der Rheinromantik, die Umsetzung landschaftlicher Gegebenheiten und sagenumwobener Geschichte des Rheintals in die Epoche der Romantik.

Viele Zeitgenossen griffen die Gedanken Schlegels auf, interpretierten sie auf individuelle Weise und verschafften ihnen Ausdruck in ihren eigenen Werken, in musikalischen Kompositionen, in Briefen und Biografien, in Dichtung und Romanen, ja, in ganzen Lebensentwürfen. Genau davon handelt das Buch „Am Zauberfluss, Szenen aus der rheinischen Romantik“ von Ulrich Meyer-Doerpinghaus.

Wir kommen darin Annette von Droste-Hülshoff und Sibylle Mertens-Schaafhausen, Ferdinand Freiligrath, Franz Liszt und Marie d’Agoult, Johanna und Gottfried Kinkel sowie Clara und Robert Schumann sowie ihren Zirkeln und Freundeskreisen nahe. Sehr nahe sogar. Natürlich, das sind alles keine Unbekannten, aber doch schafft es der Autor, ihre Lebens- und Empfindungswelten, ihre Verbindungen auch untereinander, die Wandlungen und Entwicklungen ihrer Persönlichkeiten so zu beschreiben, als seien wir unmittelbar zugegen.

Die Rheinlandschaft dient ganz im Sinne der Romantik als imposante Kulisse des Geschehens, etwa wenn Freiligrath bei seinem Abschied von Unkel seiner ersten großen Liebe gedenkt:
„Drachenfels und Königswinter, Nonnenwerth und Rolandseck, und der ganze liebliche Uferstrich von Mehlem bis an den Unkelstein. – Alles, Alles ist mir durch Dich verklärt! Du hast jedem Plätzchen, jedem Pfade, jedem Felsstück die Weihe gegeben.“
Die Insel Nonnenwerth wiederum ist untrennbar verbunden mit der Liebe zwischen der Gräfin Marie d’Agoult und Franz Liszt. Die Gräfin beschreibt begeistert die Gegend um die Rheininsel,
„als eine der schönsten Landschaften, die ich kenne. Nachdem der Rhein kurz geteilt wird, um unsere Insel zu umarmen, vereinigt er sich wieder zu Füßen des Drachenfelses, der höchsten Erhebung des Siebengebirges. Auf seinem Gipfel erhebt sich traurig und stolz ein Turm. Efeu bedeckt seine brüchigen Mauern und in kraftvoller Trägheit trotzt er immer noch den zerstörerischen Elementen, die schon seit Jahrhunderten an ihm rütteln.“
Überhaupt die Liebe in Zeiten der Romantik. Immer häufiger verschaffen sich die Regungen der Herzen kompromisslos Geltung und setzen sich über gesellschaftliche Konventionen hinweg. Beispiel Johanna Mathieux, geborene Mockel. Sie ließ sich so gar nicht begeistern für ein Leben als Hausfrau mit den entsprechenden Pflichten und wurde ihrer Ehe mit dem Kölner Buch- und Musikalienhändler Mathieux schnell überdrüssig. Als sie in Bonn 1839 Gottfried Kinkel begegnete und ihm im Wortsinne schöne Augen machte, wurde die Affäre zum Stadtgespräch, war sie doch katholisch und in Scheidung lebend, während ihr Liebhaber evangelischer Theologe war und anderweitig gebunden. Zur damaligen Zeit ein Skandal. Unbeeindruckt davon fühlten sie sich unendlich zueinander hingezogen. Theatralisch wurde es gar, als sie bei einem nächtlichen Bootsausflug auf dem Rheinstrom mit einem Dampfschiff kollidierten und beide über Bord gingen. Gottfried gelang es, die Nichtschwimmerin zu retten und ins Boot zurück zu ziehen. Was dann geschah, beschreibt Gottfried Kinkel in seiner „Selbstbiographie“:
„Du, Du, flüsterte sie mir zu, und der erste flammende Kuss verband unsere Lippen.“
Es waren vor allem die Frauen, die sich nicht länger in ihr klassisches Rollenbild pressen lassen wollten, die sich die Freiheit nahmen, ihr Leben selbstbewusst nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

Das Buch „Am Zauberfluss“ ist im besten Sinne angenehm altmodisch. Von der Größe her und der Machart, dem festen Buchdeckel, der gut in der Hand liegt, dem Retro-Layout mit Blocksatz. Es passt schon optisch wunderbar ins Regal zwischen die originalen Klassiker der Rheinromantik. Die Sprache Ulrich Meyer-Doerpinghaus‘ ist leicht zu lesen, angenehm unprätentiös aber nicht unpräzise. Es gelingt ihm mitreißend und niemals historisch-trocken, eine Epoche - mehr noch ihre Menschen - wieder lebendig werden zu lassen. Dabei wird den Lesern unmittelbar vor Augen geführt, dass das Zeitalter der Romantik bis in die Gegenwart wirkt und deutliche Spuren hinterlassen hat. Sei es in der Betrachtung von Landschaft und Kulturgeschichte, der emotionalen Bindung zur Natur oder in der Verwirklichung individueller Lebensentwürfe auch jenseits der Konventionen. Oder schlicht und ergreifend im Tourismus.

Was am Rhein nicht verwundert: Wie die meisten der von Ulrich Meyer-Doerpinghaus porträtierten Persönlichkeiten, war auch Kinkels Geliebte Johanna dem Wein zugetan.
„Gegen die Bonner Damenmode scheute sie sich nicht, Wein zu trinken und ihre Lust an diesem Freunde der Dichter auszusprechen.“
Von Freiligrath berichtet der Autor:
„Der Dichter schätzte den ‚Unkeler Funkeler‘, aber genauso hatte es ihm der rote ‚Drachenblut‘ angetan, den der Freund Karl Simrock auf seinem Weinberg in Menzenberg oberhalb von Honnef anbaute. Für Freiligrath wurde Simrock der wichtigste Gesprächspartner jener Zeit. Immer wenn sich die Gelegenheit ergab, wanderte der Dichter hinauf zum Menzenberg. Sobald hier Gäste eintrafen, ‚rückte‘, so Gottfried Kinkel, ‚die Maitrankbowle heran, und wir zechten im Saale oder im Garten scharf bis Sonnenuntergang. Hier fand mancher guter Trinker eine ehrenvolle Niederlage: Nur den Wirt selber habe ich nie wanken sehen.‘“
Wer wäre da nicht gerne bei gewesen?

Ulrich Meyer-Doerpinghaus: Am Zauberfluss, Szenen aus der rheinischen Romantik, Reihe zu Klampen Essay, herausgegeben von Anne Hamilton, zu Klampen Verlag, Springe 2015, 269 Seiten; Als gebundene Ausgabe und als E-Book. 

(Ingo Konrads)

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